24.03.2020 – 21.03.2021

Gastspiel: Drei Tischuhren der deutschen Schweiz um 1700 – Verlängert!

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Gastspiel «Drei Tischuhren der deutschen Schweiz um 1700», Leihgabe: Privatbesitz. Fotos: Michael Lio
In der Schweiz stellten Uhrmacher im 17. und 18. Jahrhundert Tisch- und Türmchenuhren im Stil der Renaissance mit neuen barocken Elementen her. Uhren der Uhrmacher Melchior Zingg und Jean Herzog sind noch nicht sehr lange bekannt.

Alle drei gezeigten Uhren stammen aus der Nähe des Klosters St. Urban, Region Langenthal. Sie wurden von bislang wenig bekannten Schweizer Uhrmachern gefertigt: Jean Herzog und Melchior Zingg.

Brigitte Vinzens, Konservatorin des Uhrenmuseums Winterthur, stellt den aktuellen Gast mit seiner individuellen Geschichte in der Reihe «Museum am Mittag» am Freitag, 19. Juni 2020, 12:30 Uhr vor. Die Führung ist kostenloser Bestandteil des Museumseintritts. Eine Anmeldung ist nicht nötig.

Renaissance-Uhren in der Schweiz

Die Höfe Europas schmückten ihre Räumlichkeiten vom 16. bis ins 17. Jahrhundert mit Tisch- und Türmchenuhren. Diese wurden vorwiegend in Uhrenzentren wie Augsburg, Nürnberg, Paris und Blois, aber auch in Italien gefertigt. Die Schweizer Uhrmacher beschäftigten sich erst etwas später mit Renaissance- Uhren. Im 17. und 18. Jahrhundert stellten sie diese im alten Stil her, fügten aber auch neue, barocke Elemente hinzu. Verglichen mit den Uhren der europäischen Zentren wirken die Schweizer Uhren etwas rustikaler. Sie wurden als Einzelstücke in verschiedenen Regionen der Schweiz angefertigt.

 

Jean Herzog und Melchior Zingg

Alle drei gezeigten Uhren stammen aus der Nähe des Klosters St. Urban, Region Langenthal. Sie wurden von bislang wenig bekannten Schweizer Uhrmachern gefertigt. Zwei Uhren sind von Jean Herzog aus Steckholz. Die 1697 datierte Uhr ist signiert, die andere Uhr ist ihm zugeschrieben. Vielleicht handelt es sich bei ihm um einen Sohn des Uhrmachers Jakob Herzog aus Basel.

Die dritte Uhr ist von einem Melchior Zingg signiert. 1674–1736 lebte in der Nähe von Steckholz ein Mann dieses Namens, doch mit unbekanntem Beruf, weshalb man lange nicht wusste, ob es sich um den Uhrmacher dieser Uhr handelt. Vorerst schien es bei der vorliegenden Tischuhr naheliegend, den berühmten Pfarrer, Astronomen und Uhrmacher Michael Zingg aus Zürich mit der Signatur in Verbindung zu bringen. Umfangreiche Nachforschungen ergaben aber keinen Hinweis auf einen Nachkommen mit dem Namen Melcher (Melchior). Der wegweisende Durchbruch gelang ganz aktuell dank neuen Recherchen in den Ahnenforschungsportalen und Rodeln der Region zwischen Langenthal und dem Kloster St. Urban. Melchior Zingg lebte tatsächlich mit seiner Familie als Uhrmacher auf dem Hof Breitenacher in Busswil/Melchnau in unmittelbarer Nähe von Obersteckholz, dem Wohnort von Jean Herzog.

Dem zeitgenössischen Uhrmacher Albert Kägi in Bülach sind seit Kurzem sieben ähnliche Uhren aus dem Zeitraum 1697–1723 bekannt. Neben den hier präsentierten Recherchen ist ihm die aufwendige Restauration der Uhr von Melchior Zingg zu verdanken. Kägi hat die Uhr um fehlende, aber früher vorhandene astronomische Anzeigen ergänzt und das unvollständige Werk fertiggestellt.

 

Die Uhren im Vergleich

Die astronomische Tischuhr von Melchior Zingg dürfte für einen anspruchsvollen und vermögenden Besitzer angefertigt worden sein. Dies zeigt nicht zuletzt das aufwendig bearbeitete Gehäuse mit aufgesetzten und vergoldeten Zierelementen. Für einen «ländlichen» Uhrmacher wie Melchior Zingg ist die Herstellung dieser anspruchsvollen Uhr eine beeindruckende Leistung.

Am Hauptzifferblatt befinden sich Anzeigen für die Monate, für die Tageslänge und für Kalendertage im bäuerlichen Jahresverlauf. Im Aufsatz der Uhr sind Anzeigen für die Mondphasen, für Sonne und Mond im Tierkreis und für die Mondscheindauer untergebracht. Das Werk verfügt über einen Stunden und Viertelstundenschlag, nach welchem jeweils die aktuelle Stunde schlägt.

Bei den Uhren von Jean Herzog lässt sich eine Verwandtschaft zur Uhr von Melchior Zingg erkennen. Alle drei Uhren sind ähnlich gestaltet und verfügen über Gravuren mit barocken Blumen und Ranken. Inspirationen waren vermutlich Augsburgeruhren dieser Zeit.

Informationen für Medienschaffende

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Wir freuen uns über die Zusendung eines Belegexemplares oder eines Links mit Berichterstattungen über das Uhrenmuseum Winterthur.

Vielen Dank!

Brigitte Vinzens
Konservatorin Uhrenmuseum Winterthur

+41 (0)52 267 51 36 / 28