Eine Erfindung des Fin de Siècle
Digitalanzeigen verbinden wir heute mit den ersten LED-Zifferblättern der 1970er-Jahre. Doch bereits im Fin de Siècle – also gut hundert Jahre früher – kamen nach einigen noch älteren Vorläufern digitale Uhren auf – wenn auch noch mechanisch betrieben. Solche Sprungziffern- Taschenuhren wurden ab den 1880er-Jahren in grosser Zahl hergestellt. Der Trend hielt aber nur rund dreissig Jahre an. Danach verschwand dieser Uhrentyp wieder. Die technisch bemerkenswerten und optisch sehr ansprechenden Uhren gerieten in Vergessenheit und sind heute als Sammlerstücke selten und gesucht. Das Uhrenmuseum Winterthur lässt nun in die Jahrzehnte rund um 1900 eintauchen und die Anfänge der Digitaluhr wiederentdecken.
Der Sprung in die moderne Zeit
Bei Sprungziffernuhren werden die Stunden und Minuten mit Zahlen in kleinen Fenstern auf dem Zifferblatt angezeigt. Der Zeiger fällt also weg. Möglich ist dies dank rotierenden Scheiben, die über ein mechanisches Räderwerk bewegt werden. Die Firma Cortébert stellte solche Uhren her. «Die genaue Zeit springt dir ins Auge», lautete ihr Werbeslogan, mit dem sie den Effekt der für die damalige Zeit neuartigen Anzeige anpries.
Tatsächlich bestechen die Sprungziffernuhr-Zifferblätter durch ein schlichtes, modern anmutendes Design. Dieses passte in die damalige Zeit, in der sich sowohl der Strassenverkehr als auch die Kommunikation stark beschleunigten und eine exakte Zeitmessung immer wichtiger wurde. In einer zunehmend urbanisierten Gesellschaft war auch das Tragen einer persönlichen Uhr für immer grössere Kreise eine Selbstverständlichkeit.
Gestalterische Vielfalt und globaler Erfolg
Entsprechend individuell sind auch die Uhren in der Sammlung Alex Kuhn. Es gab sehr preisgünstige Arbeiteruhren, wie sie die Firma A. Wittnauer & Co. ab 1880 produzierte. Verwendet wurden bei diesen Uhren Metallzifferblätter und Stahlgehäuse. Hingegen waren hochwertigere Sprungziffernuhren oft mit einem Zifferblatt aus Email ausgestattet. Bekannte Herstellernamen waren unter anderen International Watch Co., Cortébert Watch Co., Gedeon Thommen oder auch Aeby und Landry. Eine grosse Zahl Uhren wurde ins Ausland exportiert, so auch die günstigen Wittnauer-Uhren, die heute vor allem in den USA und Kanada zu finden sind.
Neben den Zifferblättern aus Email findet man auch versilberte und vergoldete, aber auch unterschiedliche Gehäuseformen – mit Sprungdeckel oder ohne. Die rege Exporttätigkeit der damaligen Uhrenbranche lässt sich an Aufschriften in unterschiedlichen Sprachen nachweisen: Deutsch, Französisch, Holländisch oder Spanisch. Auffällig auch diejenige Uhr in der Sammlung Alex Kuhn, die anstelle der arabischen chinesische Zahlen auf den Zifferscheiben aufweist. Eine weitere Auswirkung der zunehmenden internationalen Vernetzung war eine veränderte Zeitzählung. In einer zunehmend globaleren Gesellschaft genügte es nicht mehr, die Stunden des Tages zweimal von 1 bis 12 zu zählen, stattdessen wurde nach und nach das System der Zählung von 0 bis 24 eingeführt. Als Beispiel für diese Zeit des Übergangs von einer Zählung zur anderen steht eine Uhr von Gedeon Thommen, die neben den Ziffern 1 bis 12 die Zahlen 13 bis 24 auf der Zifferscheibe trägt.
Kurze Blütezeit und viele Fragen
Das plötzliche Verschwinden der «analogen Digitaluhren» nach nur dreissig Jahren erscheint heute rätselhaft – gerade auch, weil sie den Markt anfänglich so sprunghaft eroberten. Entsprachen die aussergewöhnlich schönen Uhren nicht den technischen Ansprüchen der Kundschaft? Oder wurden diese Taschenuhren von den aufkommenden Armbanduhren verdrängt? Und weshalb dauerte es so lange, bis die Idee der «springenden» Ziffern wieder aufgegriffen wurde? Diese Fragen können wir heute nicht abschliessend beantworten. Aber wir können ihnen nachgehen und einer faszinierenden Zeit in der Uhrmachereigeschichte mit unseren Gastuhren ein Gesicht geben.




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